Elternführerschein und was Sozialpädagogik mit Bionik zu tun hat

Familienpolitik und Schulbildung

Was Christina Schwarzer als Obfrau im Familienausschuss und MdB im Juni und der aktuell diskutierte CDU-Generalsekretär Cai Wegner mit dem von ihnen geforderten Elternführerschein auf die Agenda setzen, ist keinesfalls neu. Seit den siebziger Jahren diskutiert man immer einmal wieder, das durch bröckelnde Familienstrukturen entstehende Manko an Erfahrungsweitergabe in puncto Erziehung, Gesundheit, Sozialkompetenz und sicherlich auch einfach praktischer Lebenshilfe  in Haushalt und Familie durch entsprechende Fortbildungskurse zu ersetzen.

Das Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ von Michael Tskokos und Saskia Guddat, die beide Rechtsmediziner der Berline Charité sind, hat die Diskussion um Kinderschutz, elterliche Fürsorgepflichten und Überforderung von Eltern befeuert. Und das natürlich zu Recht – die hier genannten Fakten sind keine Kinderspiel: Jede Woche sterben in Deutschland drei Kinder an den Folgen elterlicher Gewalt und 70 Kinder erleiden pro Woche in einem solchen Ausmass Verletzungen durch meist elterliche Misshandlungen, dass es erst durch notwendig gewordene ärztliche Versorgung überhaupt statistisch erfasst wird. Man muss davon ausgehen, dass die Dunkelziffern wesentlich höher liegen. Die Zahlen sind vom Deutschen Kinderschutzbund bestätigt.

Doch nicht nur derartige häusliche Gewaltexzesse sind in diesem Zusammenhang zu thematisieren: Kinder werden vernachlässigt in Pflege und Ernährung, erhalten zu wenig Zuwendung, Förderung und Geborgenheit. Oder werden überbehütete Heli-Kinder, als Partnerersatz sozial missbraucht und auf solche Weise in ihrer Entwicklung ausgebremst.

Gesellschaftlicher Wandel

Die Grossfamilien in denen sich Onkel, Tanten, Grosseltern einmischten und auch einbrachten sind nicht mehr existent und das per Gesetz extrem gestärkte elterliche Recht geht hierzuland über alles und lässt Einmischung „von aussen“ und damit auch Hilfe von aussen selten und kaum zu. Was innerhalb der Familien und in den Haushalten stattfindet „geht keinen was an“ – schreckliche Realität.

Alles Patchwork...

Über 50 Prozent aller Ehen werden geschieden, Patchwork-Familien sind Standard und Alleinerziehende, die Haushalt, Job, Kindererziehung, Selbstverwirklichung und die Suche nach neuen Partnern unter einen Hut bekommen sollen bilden die Mehrheit.

Die Idee „Elternführerschein“ muss man keineswegs toll finden – aber dass diese notwendige Diskussion weiterhin geführt wird, ist wichtig.

Zwölftklässer einer Stuttgarter Schule formulierten ganz richtig, es sei eigentlich eine Katastrophe, dass man für jede Arbeit, jeden Job eine Eignung nachweisen müsse, mit Stempel und Unterschrift als wichtig ausgewiesen, aber für Kindererziehung müsse man „gar nix können“ und werde nie gefragt, ob man sich hier überhaupt auskennt.

Auf gesellschaftliche soziale Veränderungen der Strukturen muss man reagieren – und zwar mit Innovation, Offenheit und Kreativität

Soziale Kompetenz ist vielleicht heute mehr denn je eine Kernkompetenz die wertgeschätzt gehört; und was das Ansehen sozialer Berufe angeht, so ist hier sicherlich noch einiges nachzuholen. Dieses Ansehen drückt sich in Löhnen und Gehältern aus – wie es bei uns hier im Sozial- und Pflegedienst bestellt ist, zeigt, dass die Arbeit am Menschen zu wenig geschätzt wird.

In der Schule schon gelernt…

Erziehung und Sozialpädagogik sowie der Erwerb existentieller Grundkompetenzen in Bereichen wie  Ernährung/Kochen/Lebensmittelkunde, Gesundheit und Hygiene gehören nicht als 10-schulstündiges Experiment sondern als Fachunterricht umgesetzt in allen Schulformen.

Wir brauchen eine Öffnung der Lebensformen. Mehr bezahlbare Möglichkeiten für Haus- und Wohngemeinschaften schaffen ein „urbanes Mikrokllima“ welches gerade auch Alleinerziehende, aber auch Familien, durch klassisches Nachbarschaftshilfe sozial entlastet.

Wir brauchen ausreichend soziale Angebote für Kinder, Zuhörer und Helfende die soziale und zusätzliche emotionale Geborgenheit bieten und kindliche Entwicklung unabhängig stärken.

Was hat Sozialpädagogik mit Bionik zu tun

Familie ist eigentlich eine Erfindung der Natur – schon vor mehr als 700 Millionen Jahren, so fanden Forscher heraus, haben sich selbst  coole Fische um ihren Nachwuchs gekümmert und zogen nach dem Ablaichen nicht einfach weiter.

Dass die Mutter-Kind-Beziehung um die Väter ergänzt wurde, kennt man erst von Vögeln wo die Väter sich an der Brutpflege beteiligen und sogar Essen ranholen.

Wahre soziale Netzwerke zur Kindererziehung und Hilfe von allen Seiten kennen zum Beispiel Murmeltiere, Erdmännchen und auch Elefanten – hier sind überall Tanten, Geschwister und sogar nicht genetisch-verwandte Herdenmitglieder pädagogisch beteiligt.

Die genetisch mit uns stark verwandten Schimpansen setzen wieder auf die Mutter-Kind-Beziehung. Ganz anders läuft es bei den sog. Krallenäffchen die von dem renommierten Zoologen und Primatenforscher Carel von Schaik/Zürich für folgendes Experiment agierten:

Er setzte zwei Äffchen in zwei benachbarte Käfige – eines der Äffchen hatte die Möglichkeit an einem Brett zu ziehen, damit das andere Nachbar-Äffchen an Essen kommt. Wenn es jedoch an diesem Brett zieht, hat ausschliesslich das Nachbar-Äffchen etwas davon – das aktive Äffchen selbst nicht! Dies wäre also ein rein empathisch-sozialer Akt – und die Äffchen verhielten sich tatsächlich so.

Soziales Verhalten entlastet

Nach neuesten anthropologischen Forschungen sind es Empathie und gemeinsame Jungenaufzucht, die Menschen von Primaten unterscheiden. Und: Kein Evolutionsvorsprung  ohne Vorteilsnahme – die Krallenäffchen profitieren von ihren sozialen und empathischen Zügen, denn die Weibchen sind durch dieses Verhalten so entlastet, dass sie mehrfach im Jahr Junge zur Welt bringen während Schimpansen erst wieder Nachwuchs bekommen, wenn ein Jungtier wirklich grossgezogen, ausgewachsen und selbständig ist.

In diesem Zusammenhang sind Menschen wie die Krallenäffchen – sie können nur relativ häufig Nachwuchs bekommen, weil  andere bei der Aufzucht helfen. Dass dies auch für den Nachwuchs intellektuell anspruchsvoller ist, hat sich sogar in der Ausbildung der Hirn-Areale im Laufe der Evolution niedergeschlagen: Es erfordert mehr soziale und kognitive Fähgikeiten mit einer Gruppe umzugehen, als ausschliesslich mit der Mutter. Aus diesem Grunde ist das menschliche Gehirn deutlich grösser, als das von Schimpansen – und das aus Sicht der Evolution „neueste“ oder jüngste Gehirnareal, der Neokortex, ist genau das Feld in dem die Empathie ihren Sitz hat.

Frühe Urmenschen-Gesellschaften waren nicht durch „Kernfamilienstrukturen“ oder Monogamie geprägt – Entscheidungen der Ur-Männer wurden demnach nicht zu Gunsten der Nachkommen, von denen sie ja nicht wissen konnten, ob sie wirklich der Vater sind, getroffen, sondern zugunsten der Herkunftsfamilie.

Besitz und Gesellschaft 

Mit der Sesshaftigkeit und damit verbundenem Besitz wurde auch hier alles anders: Besitz sollte ja an Nachkommen weitergegeben werden können. Dazu musste aber sichergestellt sein, dass es auch wirklich jeweils die eigenen Sprösslinge waren – also brauchte man eine monogame Ordnung. Das Thema „Erbschaft“ wurde zum sozio-evolutionären Motor – Vorteilsnahme durch Besitz – wer erben konnte, war sozial schon mal im Vorteil.

Soweit so gut. Ganz im Sinne der Bionik, die sich abschaut, was wir von der Natur noch alles lernen können, ginge es nun darum, mit offenem Blick und Kreativität alles Nachahmenswerte vom Krallenäffchen über die Organisation der Elefanten-Gesellschaften bis zur Ur-Gesellschaft unserer Vorfahren sozialpädagogisch-sinnvoll zu verwerten.

Und das hat dann Sozialpädagogik mit Bionik zu tun 🙂